← Zurück

10 Methoden, Ihr Unternehmen gestärkt aus der Krise zu führen, die nicht im Lehrbuch stehen

Plädoyer für ein strategieförderndes Krisenmanagement

covid19-2Die Wirtschaft kühlt ab unter den Einschränkungen durch die Corona-Krise. Wenn sie nicht gerade Atemschutzmasken, Beatmungsgeräte, Toilettenpapier, Nahrungsmittel oder antivirale Arzneien produzieren, gehört Ihr Unternehmen wahrscheinlich nicht zu den Krisengewinnern und es drohen negative Folgen. Was ist zu tun? Ich selbst habe als Unternehmer das Platzen der Dotcom-Blase 2000 und die Finanzkrise 2008 miterlebt. Ich weiß sehr genau, wie es sich anfühlt, wenn die Regeln, unter denen man sein Geschäft bisher betrieben hat, auf einmal nicht mehr gelten. 2008 sind wir haarscharf an einer Insolvenz vorbeigeschrammt und ich konnte das Unternehmen gerade noch so abstoßen, wenn auch mit großem Verlust. Der Schock saß tief und ich danach habe Jahre darauf verwendet, herauszufinden und zu lernen, wie solche existenzbedrohenden Entwicklungen besser gemeistert werden können. Meine Erkenntnisse teile ich gern.

0. Tun Sie, was getan werden muss, und sichern Sie die finanzielle Existenz

Es ist der Standard und gibt kein Weg darum herum. Die erste Pflicht von Unternehmern und Managern in krisenhaften Situationen besteht darin, die Existenz des Unternehmens zu sichern. Die Mittel dazu sind bekannt und werden in der Regel beherrscht. Zunächst einmal gilt es, Kassensturz zu machen und die Liquidität des Unternehmens über die nächsten Monate, Wochen oder sogar Tage zu überprüfen. Daneben werden vermeidbare Ausgaben reduziert oder ganz gestrichen. Ergänzend kann ein aktiveres Forderungsmanagement für kurzfristige Mittelzuflüsse sorgen und ggf. muss über Shareholder oder Banken Geld aufgenommen werden.  Diese Standards müssen beherrscht werden, sind aber nicht Thema dieses Artikels. Da gibt es Spannenderes.

1. Tricksen Sie sich nicht selbst aus

Tatsächlich sind wirtschaftliche Krisen in ihrer Dynamik nicht grundlegend anders als psychische Krisen. In der Psychologie werden sie definiert als ein Prozess, bei dem sich trotz aktiven Handelns die Lage kontinuierlich verschlechtert. Es ist ein wiederholtes und fortschreitendes Scheitern. Handlungsspielräume werden innerhalb kurzer Zeit immer enger und die handelnden Personen fühlen sich in einer Abwärtsspirale gefangen. Die Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, mit eigenem Handeln etwas verändern zu können, geht verloren. Zudem schränkt sich die Wahrnehmung immer weiter ein. Man entwickelt einen Tunnelblick. Am Ende steht Verzweiflung.

Paradoxerweise sind gerade jene Manager gefährdet, in eine solche Abwärtsspirale zu geraten, die den oben erwähnten Standard für Krisensituationen perfekt beherrschen. Sie fühlen sich sicher und steigern die Maßnahmen kontinuierlich entsprechend der Krisenentwicklung – manchmal bis zu einem Punkt, der für das Unternehmen zu einer echten Gefahr wird. Kosten werden soweit gekappt, dass die Produktion fast zum Erliegen kommt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden freigesetzt, leider manchmal genau diejenigen, die am dringendsten gebraucht werden. Der Vertrieb wird aggressiver gestaltet und verprellt mehr Kunden, als dass dadurch Umsatz generiert würde. Wie kann das passieren? Es ist eine verständliche und sehr menschliche Dynamik. Manager tun alles, um das Unternehmen zu retten. Je schlimmer es wird, desto stärker werden die Maßnahmen angezogen. Viel hilft viel ist die Devise und Scheitern keine Option.

Die Motivation dahinter ist nicht falsch. Wer jedoch mit Tunnelblick einem nicht mehr erreichbaren Ziel hinterherrennt, führt das Unternehmen in die Handlungsunfähigkeit. Die Krise verschärft sich gerade durch den Ansatz „wenn es nicht hilft, dann nehmen wir mehr des Gleichen“. Auch auf Digitalis eingestellten Herzpatienten geht es nicht besser, wenn sie mehr von ihrem Medikament nehmen, sondern sie sterben.

Wie lässt sich das umgehen? Halten Sie rechtzeitig inne und hinterfragen sie die Situation und ihre Handlungsweisen. Gerade in Krisensituationen lohnt es sich, die eigene Strategie neu aufzusetzen. Dazu im Folgenden mehr.

2. Spielen Sie Ihre Rolle offensiv

Die Zukunft ist ungewiss? Alles ändert sich täglich? Sie wissen selbst nicht wo es hingeht? Vielleicht schlafen Sie schon unruhig. Das mag alles sein. Wenn Sie Unternehmer, Vorstand, Geschäftsführer oder auch Mittelmanager sind, gehört es jedoch zu ihrer Rolle, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so viel Sicherheit zu geben, wie möglich. Je höher Ihr Rang ist, desto mehr stehen sie in der Pflicht. Kommunizieren Sie oft und gradlinig. Mitarbeiter achten viel stärker auf das, was Sie sagen und nicht sagen, als Ihnen wahrscheinlich bewusst ist. Auch wenn Sie selbst unsicher sind und zweifeln, ist das keine Rechtfertigung, Unsicherheit an Mitarbeiter weiterzugeben. Im Gegenteil vermitteln Sie so viel Zuversicht wie irgend möglich. Im Gegenzug erhalten Sie eine Mannschaft, die auch, wenn es noch schlimmer kommt, zusammenhält und Ihr Unternehmen stützt.

3. Telefonieren Sie - aber richtig

für Manager im Krisenmodus bleibt dafür leider viel zu wenig Zeit. Sie sollten Sie sich aber reservieren. Nehmen Sie den Hörer hoch und telefonieren Sie mit wichtigen Personen aus ihrem wirtschaftlichen Ökosystem. Dazu gehören Kunden, Lieferanten, Partner und Personen aus ihrem Branchennetzwerk. Sie werden erstaunt sein, wie viele wichtige Informationen sie über Marktentwicklungen auf diese Art und Weise zurückbekommen und wie viele Ideen für bisher ungenutzte Chancen entstehen. Die meisten Menschen freuen sich tatsächlich, wenn ein solches, ernst gemeintes Gespräch zustande kommt, bei dem nicht ein Deal im Vordergrund steht, sondern das echte Interesse an der eigenen Situation. Übrigens: E-Mail ist hier kein Ersatz.

 

"Was können wir tun, damit wir später sagen: diese Krise war das Beste, was dem Unternehmen je geschehen ist?"

 

4. Verändern Sie Ihre Sichtweise radikal

Gespräche mit Menschen in Ihren Teams, Telefonate mit Business-Partnern und das Studium von Analysen des Krisenverlaufs helfen Ihnen, die Situation zu verstehen. Die Zeit dafür muss man sich nehmen. Auch hier lohnt sich die Investition. Nur wenn es Ihnen gelingt, den nötigen Abstand zum täglichen Krisenbewältigungsmodus zu gewinnen, können Sie Ihre Sichtweise der Zukunft hinterfragen und verändern. Gibt es nicht doch eine Chance, Kunden gerade jetzt besonders glücklich zu machen? Wie wird sich die Gesellschaft und die Wirtschaft nach dieser Krise verändern? Wie können Sie darauf reagieren und sich so vorbereiten, dass sie möglichst gut positioniert sind, wenn sie langsam vorbeigeht? Führen sie ein Brainstorming durch, bei dem Sie Ihre Sichtweise radikal infrage stellen und überlegen Sie, was Sie tun können, damit Sie später sagen: "diese Krise war das Beste, was dem Unternehmen je geschehen ist". Das gelingt leichter im Team, manchmal hilft es, einen externen Coach hinzuzuziehen.

5. Räumen Sie auf

Es gibt bestimmt Prozesse, die seit langem nicht optimal laufen, genauso wie Initiativen, die einmal beklatscht, aber nie zu Ende geführt wurden. Vielleicht ist es auch nur ein kleiner Makel an Ihrem Produkt oder ihrer Dienstleistung, den sie schon lange einmal ausmerzen wollten. Genau jetzt ist die Zeit dafür. Räumen Sie auf. Sobald der erste chaotische Berg an Arbeit zur Bewältigung der Krise abgeflaut ist und ein gewisser Leerlauf eintritt, weil die Produktion heruntergefahren ist, haben Sie Zeit. Energie hier zu investieren, ist wesentlich sinnvoller als hektisches Krisentheater zu spielen, bei dem nichts herauskommt.

6. Starten Sie Innovationsinitiativen

Mit jeder Krise verändert sich die Welt – vielleicht nur ein bisschen, aber es reicht aus, dass neue Marktchancen entstehen und alte Modelle ausgedient haben. Wenn Sie zu den glücklichen Unternehmen gehören, die schon seit Jahren ein ganzes Portfolio von potentiellen Innovationen und Geschäftsmodellen aufgebaut haben, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, zu prüfen, welche davon während oder nach der Krise attraktiv sein können. Auf jeden Fall ist es interessant, ein oder mehrere Teams zu Innovationsworkshops zusammen zu holen und zu überlegen, wie sich Kundenbedürfnisse verändern und wie das Unternehmen mit neuen oder veränderten Wertangeboten darauf reagieren kann. Die aktuelle Corona-Krise löst gerade einen gigantischen Wandel der Unternehmenskommunikation aus, bei dem mehr und mehr Kommunikation und Zusammenarbeit in die digitale Welt verlagert wird. Das ist nicht der einzige Effekt. Prüfen Sie, welche marktverändernden Wirkungen für Ihr Unternehmen attraktiv sein können und mit welchen Produkten und Leistungen sie darauf reagieren wollen.

7. Investieren Sie

Es mag verrückt klingen, aber es ist wirklich nicht der schlechteste Moment, um in die Zukunft zu investieren. Es sind nicht wenige Unternehmen, die in den letzten Jahren ein ausreichendes Polster aufgebaut haben, um jetzt neue Projekte anzugehen. Wenn das für Sie der Fall ist, hilft Ihnen, dass Lieferanten gegebenenfalls bisher so nicht da gewesene Sonderangebote unterbreiten und im Unternehmen die Kapazität da ist, die Investitionen sinnvoll in den Produktionsprozess einzugliedern.

8. Stellen Sie die besten Leute ein

Während die meisten Unternehmen in Ihrer Branche mit Stellenkürzungen auf die Herausforderungen der Krise reagieren werden, ergibt sich für zukunftsorientierte Unternehmen eine großartige Chance. Ich habe es selbst während des Platzens der Dotcom-Blase erlebt. Auf einmal waren Entwickler und andere Fachkräfte mit großartiger Expertise zu einem Preis verfügbar, für den man früher nicht einmal mittelmäßige Leute bekommen hätte. Sie einzustellen ist eine wunderbare Investition, denn es stärkt fachlich die Leistungsfähigkeit des Unternehmens und menschlich die Motivation des ganzen Teams.

9. Greifen Sie an

Wenn die bisher genannten Maßnahmen greifen, sind Sie bestens präpariert, um in einem Moment mit begeisternden Angeboten anzugreifen, während die Konkurrenz noch in Deckung ist. Genauso, wie ein Rennwagen aus der Kurve heraus beschleunigt, kann es gelingen, eine herausragende Marktposition zu erreichen, während andere noch im Krisenmodus sind. Das setzt voraus, dass Sie die Signale der Zeit richtig verstanden und sich während der Krise auf diesen Schritt vorbereitet haben. Alte Hüte neu auf den Markt zu bringen, wird nicht helfen, sondern Sie brauchen Produkte und Dienstleistungen, die dem veränderten Geist der Zeit angepasst sind. Funktioniert Ihr Angebot bereits in der Krise? Dann investieren Sie frühzeitig in effektive Marketingmaßnahmen. Auch die bekommen Sie jetzt so billig, wie lange nicht mehr. Wirkt ihr Angebot erst überzeugend, wenn die Krise sich legt? Dann bereiten Sie jetzt alles vor, um zum richtigen Zeitpunkt starten zu können.

10. Machen Sie Ihr Unternehmen robust

Ich gebe es zu, wenn man mitten in der Krise steckt ist es sehr schwer diese Perspektive einzunehmen, aber Krisen sind die lehrreichsten Episoden in der Unternehmensgeschichte, um zu erkennen, wie das Unternehmen langfristig mit schwierigen und unsicheren Situationen erfolgreich umgehen kann. Vielleicht ist es die besondere Zusammensetzung der Mitarbeiterschafft, vielleicht sind es die Werte, die im Unternehmen geteilt werden, vielleicht aber auch die Besonderheit der Produkte und Dienstleistungen. Nehmen Sie sich die Zeit, das aufzuarbeiten, was Sie während der Krise erlebt haben, und daraus Erkenntnisse zu ziehen, wie sie Ihr Unternehmen für die Zukunft noch erfolgreicher und belastbarer machen können. Erfahrungsgemäß gehören folgende Aspekte immer mit zur Liste dessen, was lang langfristig stark sein soll: die Kompetenz und Qualifikation der Mitarbeiter, die Innovationsfähigkeit und Innovationstätigkeit des Unternehmens, die tragenden Elemente der Unternehmenskultur, eine ausreichende finanzielle Ausstattung und angemessenes Führungsverhalten.

 

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen und eine erfolgreiche Bewältigung der Krise, damit Ihr Unternehmen florierender daraus hervorgeht als es vorher war.

Uwe Weinreich

Uwe hat selbst drei digitale Unternehmen gegründet und arbeitet nach dem Verkauf des letzten als Berater, Coach und Facilitator für Innovation, digitale und agile Transformation. https://coobeya.net/team/uw

veröffentlicht: 18.03.2020, © Uwe Weinreich

Kommentar oder eigenen Beitrag anfügen


Datenschutz