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Raum E: Startup ohne Netz und doppelten Boden

 

Raum E: Start-up

Der Eintritt mit völlig neuen Produkten einen komplett neuen Markt ist der größte Sprung, den ein Unternehmen machen kann. Anforderungen, Aufwand und Risiko sind wesentlich höher als in anderen Strategien. Dennoch kann es sich lohnen, wenn Sie das richtige Produkt haben. Ein Musterbeispiel dafür war bis zu dessen Niedergang Nokia, das über mehrere solche Sprünge vom Gummistiefel und Reifenproduzenten zum Fertiger von Elektronikkomponenten und dann zum Weltmarktführer für Mobiltelefone und deren Betriebssystem wurde. Vielleicht hätte der Niedergang vermieden werden können, wenn Nokia rechtzeitig zum nächsten großen Sprung angesetzt hätte.

Die Raum-E-Strategie beschreibt übrigens ziemlich genau die Situation, in der sich Startup-Unternehmen befinden: Neues Produkt, keine Beziehung zu Kunden, ja oftmals nur rudimentäre Kenntnis des Marktes und ein hohes Risiko zu scheitern. Genau für diese Zielgruppe hat Eric Ries sein Buch Lean Startup geschrieben. Die Vorgehensweisen und Methoden darin passen auch auf etablierte Unternehmen, die mit neuen Produkten neue Märkte erobern wollen.

Vorteile von Raum-E-Strategien:

Die wenigsten Unternehmen, die auf ein auskömmliches Geschäft blicken können, werden den Sprung zur kompletten Transformation wagen wollen. Ist der bisherige Markt aber substanziell gefährdet, kann ein solcher Strategiewechsel – im Startup-Jargon Pivot – die Chance für einen Neuanfang öffnen.

In den meisten Fällen werden Raum-E-Strategien aber am Rande gefahren. Es werden Arbeitsgruppen, Skunk-Work-Labore oder Corporate Startups gegründet. Auch der Zukauf von jungen, spannenden Unternehmen kann eine Tür in Raum E sein. Der große Vorteil dieser neben dem Kerngeschäft laufenden Programme liegt darin, an aktuellen Entwicklungen aktiv teilhaben und daraus lernen zu können. Längst nicht alle Versuche sind erfolgreich, aber diejenigen, die es dann im Endeffekt sind, können das Überleben des Unternehmens ggf. über Jahre sichern.

Risiken von Raum-E-Strategien:

Wer Raum-E-Strategien fahren will, braucht eine gut ausgestattete Kriegskasse. Von allen hier vorgestellten Vorgehensweisen ist sie die teuerste. Aber darin liegt nicht die größte Gefahr. Viel verheerender ist es, die Anforderung an die Systematik des Vorgehens zu verkennen. Wenn Raum-E-Strategien nur halbherzig verfolgt werden, scheitern sie. Geben Sie einer Arbeitsgruppe zu wenig Geld, besetzen Sie das Team nicht mit den kompetentesten Leuten, sondern mit denjenigen, die gerade Zeit haben, aber nur etwas, und unterwerfen Sie das ganze Projekt den bürokratischen Prozessen, Reportingpflichten und Ertragserwartungen des Gesamtkonzerns, können Sie sicher sein, dass Sie nicht nur eine Menge Geld verbrennen, sondern auch frustrierte Mitarbeiter produzieren. Auch Corporate Startups stehen im Wettbewerb, und zwar häufig mit echten Startups, bei denen die besten Leute mit höchster Motivation und schlanken Prozessen viel schneller und kreativer Lösungen entwickeln als es im Korsett der Konzernstrukturen möglich ist.

Erfolgsfaktoren in Raum E:

Corporate Start-up: ein zartes Plänzchen

Corporate Start-ups sind zarte Pflänzchen, die Schutz und Pflege brauchen.

Wie aus den Risiken bereits deutlich wird, ist es essentiell, das Team richtig zu besetzen, das Umfeld für das Team so zu gestalten, dass die Leute arbeiten können und das Budget angemessen zu planen. Letzteres heißt nicht, dass ein hohes Budget mehr bringt. Im Gegenteil, gerade eine gewisse Ressourcenknappheit fördert kreative Lösungen. Wichtig ist aber auf jeden Fall, dem Team Schutz zu gewähren. Aus dieser Überlegung sind in den USA die sogenannten Skunk Works entstanden, Labore, die weitgehend abgeschottet sind von den übrigen Unternehmensstrukturen und so ein freieres Arbeiten erlauben.

Insbesondere wenn ein hoher Anteil des Teams aus dem Unternehmen kommt, hilft ein initiales Training und Coaching, schnell Fahrt aufzunehmen. Aus der Gründerszene gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Konzepten und Toolsets, die Teams in Acceleratoren schnell in einen produktiven Arbeitsmodus versetzen.

Auch Raum-E-Projekte brauchen natürlich ein Controlling. Die Herausforderung besteht darin, aussagekräftige Indikatoren für die Entwicklung des Projektes zu finden. Darüber hinaus sollte auch klar sein, wann ein Projekt beendet werden sollte. Für Startups ist es ganz selbstverständlich: Wenn die entwickelten Lösungen nicht innerhalb akzeptabler Zeit überzeugen, gibt es keine Weiterfinanzierung und das Startup scheitert. Raum-E-Projekte etablierter Unternehmen – gerade in Konzernen – laufen im Gegensatz dazu manchmal Gefahr, zu lange durchgeschleppt zu werden. Im Vergleich zur Konzernbilanz sind die Kosten nur marginal und irgendein Vorstand hat vielleicht sein Herz daran gehängt. Hilfreich ist es daher, bereits zu Anfang Prüfpunkte für das Projekt festzulegen, die im Versagensfall einen schnellen und damit auch billigen Ausstieg ermöglichen.

 

Die Entwicklungsfelder der Digitalisierung in der Übersicht

 

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veröffentlicht: 07.08.2020, © Uwe Weinreich

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